Safer Spaces sind entscheidend für die professionelle Begleitung geschlechtervielfältiger Adressat*innen. Doch fehlendes Wissen zu Lebensrealitäten von trans Menschen und fehlende transsensible Praxiskompetenzen verunsichern Fachpersonen und erschweren sichere Arbeitsbeziehungen.
Bedürfnis nach saferer Begleitung
Trans Jugendliche äusserten in meiner sozialpädagogischen Arbeit mir gegenüber immer wieder den Wunsch nach queeren Wohngemeinschaften und transsensibler, saferer Begleitung. Viele Institutionen und Sozialarbeitende sind sich dieses Bedürfnisses nicht bewusst; sie denken, dass nur wenige Jugendliche betroffen seien und sich dazu nicht äussern würden. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass sich trans Personen in unsicheren Settings nicht outen und sich nicht trauen, ihre spezifischen Bedürfnisse zu formulieren.
Gerade in der jetzigen Zeit, in der die Repression gegen geschlechtervielfältige Menschen wieder deutlich zunimmt, ist es von zentraler Bedeutung, dass wir als Professionelle ein möglichst sicheres Setting anbieten. Der erhöhte Minderheitenstress durch Diskriminierung, Gewalt und dauernde Anpassungsleistungen macht diese Adressat*innen zusammen mit den internen Herausforderungen (Dysphorie, Identitätsfindung, Coming-out, Transition) noch vulnerabler.
Offenheit ist ein wichtiger, aber nicht hinreichender Aspekt für eine adäquate Begleitung. Insbesondere für eine längere Zusammenarbeit ist ein fundiertes Wissen erfolgsentscheidend.
Die Grundlage für eine sichere Arbeitsbeziehung ist der Aufbau eines Safer Spaces. Dem wollen wir hier einen ersten Schritt näherkommen.
Was ist ein Safer Space?
Safer Spaces sind Schutzräume für Menschen, die im Alltag Diskriminierungen und Gewalt ausgesetzt sind. Es sind Orte des Angenommenseins, Wissens- und Erfahrungsaustauschs und Empowerments. Sie schaffen Entlastung vom Minderheitenstress. Das Sicherheitsgefühl ist zentral. Es gibt klare Regeln und ein Commitment dazu: Vertraulichkeit, Respektieren von Grenzen, keine Diskriminierungen.
Safer Spaces entstanden in Peer-to-Peer-Settings. Wir verdanken diese Praxis Schwarzen und queeren Menschen sowie Frauen.
Safer Spaces in professionellen Settings
Im professionellen Kontext haben wir ein spezifisches Setting: Es gibt klare Rollen und ein Machtgefälle. Die Fachperson ist verantwortlich für den Safer Space.
Wir nennen es bewusst Safer Space und nicht Safe Space, denn der Raum soll so sicher wie möglich sein. Wir werden es aber nie schaffen, ganz diskriminierungsfrei zu handeln.
Warum und wo sind Safer Spaces in der Sozialen Arbeit wichtig?
In der psychosozialen Begleitung ist der Vertrauensaufbau eine wichtige Voraussetzung für eine gelingende Zusammenarbeit. Je marginalisierter und diskriminierungserfahrener Adressat*innen sind, desto vulnerabler sind sie und umso wichtiger ist es, dass sie einen möglichst Saferen Space vorfinden, um sich mit der Zeit öffnen zu können; dies unabhängig davon, ob es sich um einen sozialpädagogischen, sozialarbeiterischen, soziokulturellen oder beraterischen Kontext handelt.
Die meisten trans Personen kennen sowohl strukturelle als auch individuelle Diskriminierungen und erscheinen oft mit Angst in Institutionen. Sie haben meist sehr feine «Antennen» entwickelt und scannen ihr Gegenüber laufend nach möglichem «Gefahrenpotenzial» ab. Bei ungenügendem Sicherheitsgefühl wird die trans Person nicht offen kommunizieren können, ohne zusätzliche Verletzungen zu riskieren. Wenn transspezifisches Wissen fehlt, geschehen ungewollt Verletzungen, welche die Situation unsafe und die Zusammenarbeit für Betroffene sehr belastend macht. Deshalb verfallen viele trans Personen in eine Vermeidungsstrategie ohne offene Kommunikation über ihre Identität und Herausforderungen, oder sie ziehen sich sogar vom Angebot zurück.
Worauf ist also zu achten?
- Grundhaltung der Offenheit gegenüber allen Arten des Menschseins
- Anerkennen von Geschlecht, Namen, Pronomen, Anrede sowie transspezifischen Wunden, Minoritätenstress
- Passende/inklusive Sprache
- Nonverbale Kommunikation beeinflusst den Safer Space stark
- Transfreundlichkeit signalisieren (verbal, Flyer/Kleber)
- Diskriminierungs- und traumasensibles Handeln
- Metakommunikation: Rahmen, Haltung, Unsicherheiten transparent machen
- Kontinuierliche Wissensaneignung zu den spezifischen Herausforderungen
Hilfreiche Raumöffner
«Ich heisse … und nutze … Pronomen. Ich bin Teil des …-Teams und habe die Aufgabe …» (Informationen zur Person/Rolle geben Sicherheit). «Schön, dass Sie da sind! Wie heissen Sie, und welches Pronomen ist Ihnen am wohlsten?» «Wo möchten Sie sitzen, wo fühlen Sie sich wohl im Raum?» (frontal ist oft zu konfrontierend und erhöht den Stress). «Wie geht es Ihnen gerade in dieser neuen Situation?» «Es ist mir ein Anliegen, dass Sie sich hier wohlfühlen. Was brauchen Sie, um sich sicher und wohlzufühlen?»
Bewusste Gestaltung des Erstgesprächs
Trans Menschen sind durch den Minderheitenstress und zuvor erlebte Negativerfahrungen besonders vulnerabel. Der erste Eindruck ist für das Sicherheitsgefühl enorm wichtig. Es lohnt sich, in den ersten zehn Minuten ein wohlwollendes, erwartungsfreies, von Empathie geprägtes und langsames «Miteinanderankommen» zu ermöglichen, um einen Safer Space aufzubauen, damit sich das Nervensystem der Adressat*innen beruhigen kann. Erst dann sollte mit Inhaltlichem begonnen werden. Die in den anfänglichen Vertrauensaufbau investierte Zeit zahlt sich mehrfach aus.
Safer Space-Regeln erklären: Vertraulichkeit/Schweigepflicht, keine Diskriminierungen, Grenzen respektieren. Es braucht ein formuliertes Commitment von der Fachperson, dies bestmöglich zu tun. Es hilft, eine positive Fehlerkultur zu leben und die Adressat*innen einzuladen, bei Misgendering Feedback zu geben. Aber: Es ist nie ganz «safe», Verletzungen passieren. Wichtig: Feedback oder ein verletztes Gefühl von Adressat*innen ernst nehmen.
Ein Beispiel aus der Praxis
Eine völlig aufgeregte, verkrampfte, jugendliche non-binäre Person kommt in ein Erstgespräch. Ich stelle mich mit Namen und Pronomen vor und frage, mit welchem Namen sie angesprochen werden möchte und welches Pronomen sich gerade am wohlsten anfühlt. Bei trans und non-binären Adressat*innen bewirkt dies meist schon eine sichtbare körperliche Entspannung, die Person fühlt sich gesehen und ist erleichtert, dass die Fachperson mindestens eine gewisse Sensibilisierung zum Thema hat.
Subjektives Sicherheitsgefühl
Nicht für alle ist das gleiche «safe»! Es verändert sich auch, je nach Tiefe der Zusammenarbeit, Phase von Identitätssuche, Coming-out oder Transition. Ob der Raum und die Beziehung für Adressat*innen sicher sind, sollte laufend überprüft werden.
Die Arbeitsbeziehung wird noch «safer», wenn sich die Bezugsperson auch ausserhalb des Zweiersettings für die Bedürfnisse der trans Person einsetzt. Werden Mitarbeitende und Mitklient*innen proaktiv sensibilisiert, eine inklusive Sprache gefördert und bei Diskriminierungen sofort eingeschritten, stärkt und schützt dies die trans Person und vertieft das Vertrauen in die Bezugsperson.
Eine transsensible Arbeitsweise ist ein stetiger Lernprozess. Sie erfordert, eigene Denk- und Handlungsmuster zu hinterfragen und wenn nötig zu verändern. Wichtig sind stetige Reflexion, Weiterbildung zum Thema und Inter-/Supervision.
Grundlageninformationen zum Thema trans
Definitionen, Zahlen, Beratungsstellen, Literatur- und Weiterbildungsvorschläge
Dieser Text wurde vorgängig bereits publiziert in der Fachzeitschrift SozialAktuell, Ausgabe «Genderdiversität» (August 2025). Bei AvenirSocial kann das ganze Heft mit mehreren Artikeln zu Geschlechtervielfalt in der Sozialen Arbeit gelesen werden.
Kurs: Affirmative Begleitung von trans und non-binären Menschen – für Fachpersonen
Antworten auf die Frage: Was brauche ich als Fachperson zum Thema Trans zu wissen, damit ich trans und non-binäre Menschen kompetent begleiten kann?
Text: Mi Müller | Foto: Evianne Hübscher


